Serbska Reja – ein Sorbisches Tanzhaus

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Eine sorbischsprachige Version des Textes erschien in der sorbischen Kulturzeitschrift Rozhlad im Mai 2016, unter dem Titel: „Žywu serbsku reju na źinsajšnu wašnju slědk na rejowanišćo pśinjasć – projekt Serbska reja“, http://www.rozhlad.de/wudace_123.html

Serbska Reja – ein Sorbisches Tanzhaus

Im großen europäischen Haus findet man immer noch zahlreiche Zimmer mit unbekannten Schätzen, die noch nicht von Konsum und Weltmarkt aufgesogen wurden. Man schaut ins eigene Zimmer, auf der Suche nach dem, was noch übrig ist und so fanden sich die Musiker und Tänzer von “Serbska Reja”. Das junge Leipziger Projekt bringt Tänze aus alten sorbischen Handschriften und von der Folklorebühne zurück auf den Tanzboden, für jeden der den Saal betritt.

An einem Montag im März 2016, sitzen wir wie immer bei der wöchentlichen Probe im Atelier von Marion Quitz (Gitarre, Violine, Gesang). Dazu gesellen sich Gregor Kliem (Nyckelharpa, Akkordeon), Clemens Isensee (Akkordeon, Gesang) und Fabian Jacobs (Kontrabass), Beth Fogleman (Gitarre), Robin Bruck (Violine, Ocarina), Jan Thiessen (Akkordeon, Tin Whistle), Lena Löhr (Klarinette) und Georgi Marinov (Tanzanleitung). Wir resümieren, warum wir eigentlich sorbische Tanzmusik machen.

Kleiner Rückblick

Begonnen hat es Anfang 2014, als Fabian, Gregor, Clemens, Marion und Lena aus Spaß anfingen, gemeinsam Lieder aus dem damals neuen “Schleifer Liederbuch” zu spielen. Gregor kam gerade aus Slowenien, wo er die Bal Folk Szene kennen lernte mit ihren traditionellen Tänzen aus Frankreich und Italien. Da kam uns die Idee, auch sorbische Lieder zum Tanz aufzuspielen. Wir konkretisierten diese Idee zusammen mit dem Volkstanzmeister Georgi Marinov und Fabians Frau, der Tanzwissenschaftlerin Theresa Jacobs. Georgi beschäftigte sich seit langem mit sorbischen Tänzen und besitzt viel Erfahrung im Anleiten von allen möglichen europäischen Volkstänzen. Theresa forscht über das Volkstanz-Revival der DDR und gab damit neben ihrer Dissertation zum Sorbischen Volkstanz wesentliche Impulse für unser Projekt. Im Dezember 2014 folgte der erste richtige Workshop in Leipzig mit den drei Tänzen: “Jank pód Hajkom” (obersorbisch), “Pśecej ty chójźiś” (niedersorbisch) und “Z huglědkom” (Schleifer Dialekt).

Das Jahr 2015 brachte viele weitere Workshops und Konzerte, u.a. die Balkanalia in Dresden, die Slawische Nacht und die Leipziger Notenspur oder das Łužica Festival in Crostwitz. Robin und Beth stießen dazu und sind seitdem eine große Bereicherung mit ihrer Erfahrung aus der Folk Szene in Nordamerika. Zur Sommersonnenwende 2015 organisierten wir ein Tanzworkshop auf Gregors Hof in Dissen. Der Abend entwickelte sich zu einem stimmungsvollen Fest zwischen Freunden und Sorben aus der Niederlausitz, wie auch anderen Musikern, wie Die Folksamen oder die Mittelalterband Media Noctis. Wir tanzten sorbisch, Balkan, französisch und israelisch. Die gesellige Stimmung, diese Offenheit waren ein Wegweiser für uns. Im Herbst 2015 stieß schließlich Jan zu uns.

Ein Sorbisches Tanzhaus

Der Begriff “Tanzhaus” beschreibt eine Tradition aus Ungarn und Siebenbürgen, wo sich jung und alt abends treffen, Musiker zu Csárdás aufspielen und einfach drauf los getanzt wird. Am Anfang wird häufig noch ein bekannter oder neuer Tanz angeleitet. Es ist ein ähnliches Muster, wie beim Fest Noz in der Britannie, oder der europäischen Bal Folk Szene, nur in der Tradition aus Siebenbürgen. Wir hatten die Idee schon lange, so etwas auch mit sorbischen Tänzen zu starten. In der Lausitz sehen wir solche Tänze auf der Folklorebühne, wie auch bei diversen Festlichkeiten und Bräuchen, wie Hochzeiten, den obersorbischen und niedersorbischen Studententreffen, beim Zapust oder Maibaumwerfen. Was uns jedoch fehlt, sind die Abende, bei denen Volkstanz und Live Musik im Mittelpunkt stehen. Diese Lücke wollen wir schließen.

Was wir langfristig wollen, ist das offene Spiel, der offene Tanz, wo die Leute einfach wissen, was es zu tanzen gilt, aber eben auf spezifisch sorbische Weise. Wir wollen Tänze, deren Grundschritte so einfach zu lernen sind, dass die Leute schnell eigene Variationen entwickeln können und improvisieren, wie beim Csárdás in Ungarn, bei der Mazurka in Frankreich, aber auch den weit verbreiteten Standart-Tänzen, von Tango und Walzer bis zu Swing und Rock’nRoll. Was wir dabei suchen sind regional spezifische Grundschritte, auf denen solche Tänze entwickelt werden können.

Unsere Workshops haben aber noch eine andere Richtung: Kreistänze, Kettentänze, Wickler, Polkas, Mazurken, Trios uvm., die teilweise seit Generationen getanzt werden, von der Bühne adaptiert und verändert, oder neu erschaffen wurden. Es sind jedoch keine schwierigen Choreographien. Man kann stattdessen einfach mittanzen. Sie sind ein wunderbarer Einstieg, überhaupt das Tanzen an sich wieder kennen zu lernen.

Nur für die Sorben? Nein, für die Freude am Tanzen!

Ob wir das für die Sorben machen? Ja, aber nicht nur. Natürlich ist es offen für alle. Beim Workshop im März waren Deutsche, Tschechen, Leute aus Brasilien. Und es waren auch viele Ober und Niedersorben da. Für Sorben ist es eine tolle Chance, zusammen zu kommen und den Abend zu verbringen. Und es ist trotzdem eine fröhliche Mischung.

Das wirkliche Ziel ist jedoch einfach der Spaß am Tanzen. Es kommt auf den Moment an, wo sich aus dem Zusammenspiel von Tanzbewegungen und Livemusik eine Dynamik im Raum entwickelt, die einfach schön ist. Es ist egal, aus welchen Verhältnissen du kommst, wie alt, wie dick oder dünn du bist, ob Mann oder Frau, oder welche Sprache du sprichst. Und man fasst sich an. Das Körperliche ist anders als bei einem Rockkonzert oder im Club. Das ist etwas sehr Spezielles in der Folk Tanzszene. Aber all das passiert unter dem Dach der sorbischen Musik und Tanzkultur.

Wurzeln und Wandel

Es hat mal ein Musiker in Budapest beim Tanzhaus gesagt: “Die Tänzer tanzen nicht zu unser Musik, sondern wir spielen auf deren Füße.” Es ist immer eine Symbiose. Wenn die Tänzer schneller werden, werden wir es auch und umgekehrt. Im Zentrum steht daher der Rhythmus, der Groove. Musikalisch schwebt man drüber. Es funktioniert aber nur, wenn man sich zurücknimmt. Tanzmusik folgt dieser Logik, bei der man sich den Schritten unterordnet.

Es gibt aber zwei Baustellen. Das eine ist, wie die Tänze aussehen können. Wir machen Angebote, aber es könnte auch immer anders aussehen, weil nicht klar ist, wie die Sorben vielleicht vor 200 Jahren getanzt haben. Genauso wissen wir nicht, wie die Musik früher wirklich klang. Die sorbische Bühnen- oder Folkloremusik des 20. und 21. Jahrhunderts ist ein Weg, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen und sie in die Gegenwart zu holen. Auch wir suchen die Verbindung zu dem, was und wie früher auf den Dörfern oder in den Städten getanzt wurde. Aber weil beides davon nicht ununterbrochen tradiert ist, die Tanzmusik und der Tanz, versuchen wir sie heute auf unsere eigene Art und Weise zusammen zu bringen. Es geht dabei nicht darum nach der einen Wahrheit zu suchen, sondern etwas zu finden, wo wir denken, das hat Zukunft. Das heißt, wir stützen uns auf alle möglichen Quellen aber müssen einen eigenen Weg finden, sie im Heute zu interpretieren. Der beste Weg ist, sich einfach auszuprobieren. Mit jedem Tanz, den wir aufspielen, lernen wir dazu.

An Material gibt es gleichzeitig viel und wenig. Wir können auf eine Unmenge an sorbischen Liedern zurückgreifen, auf Herausgaben, wie dem “Slěpjański spiwnik” (Schleifer Liederbuch), dem “Towaršny Spěwnik”, Jan Raupps “Werč mi pola Herca” (Dreh mich im Reigen) oder “Dolna Łužyca spiwa”. Natürlich gibt es da auch noch Smolers “Volkslieder der Sorben in der Ober- und Niederlausitz”, sowie Sammlungen und Beschreibungen wie von den Ethnographen Oskar Kolberg, Ludvik Kuba und Adolf Černy. Aber die Melodien sind nur Abstraktionen. Sie erzählen nicht, wie die Musik wirklich gespielt wurde. Interessant wird es bei der Suche und Analyse von Tanzbeschreibungen, Feldaufzeichnungen, Ton- und Videodokumenten, dem Wissen von Zeitzeugen und anderen Tänzern und Musikern. Hier besteht noch viel Arbeit und Potenzial auf unserer Suche nach regionalen Spezifika.

Und dann ist da noch das wunderbare Kralsche Geigenspielbuch aus dem 18. Jhd. mit seiner Vielfalt von Melodien. Es spiegelt die Lausitzer Mode und Tänze der Zeit wieder. Dazu gehört auch, dass die Menschen in der Lausitz vor 200 oder vor 100 Jahren nicht nur den sorbischen Tanz getanzt haben, sondern alles was Mode war in Europa, wie Polka, Walzer, Schottisch, Menuett, Polonaise, Quadrillen etc… Das kann regelrecht berauschen, weil man merkt, dass alle Traditionen in Europa so nah beieinander liegen. Auch in Skandinavien pflegt man noch heute traditionelle Musik, die auf polnische Hofmusik beruht, die erst im 17. Jhd. eingewandert ist.

Erst im 19. Jhd. im Zeitalter der romantisch-nationalen Bewegungen wurde dann beklagt, dass die “echten” alten Tänze verloren gehen. Aber wahrscheinlich hat man das zu eben diesen vor 300 Jahren auch gesagt.

Das was später als “authentisch” gesehen wird, kann dabei ganz andere Ursprünge haben. Melodien, Texte und Motive wanderten oft als Mode durch ganz Europa. Dafür sorgten meist die Musiker selbst. Sie spielten in einem großen Umkreis. Einige von ihnen sind große Strecken gewandert. Es ist klar, dass sie dabei neue Lieder und Tänze weitergaben und gelernt haben. Man kommt nach 10 Jahren wieder in die Heimat und bringt das Neue mit. Die einen finden es toll und die Alten sagen natürlich, dass es nichts mehr mit der Tradition zu tun hat. Aber so wandelt sich eben die Musik. Das ist das gleiche, wenn wir heute polnische, schwedische oder deutsche Lieder mit ins Repertoire nehmen, einfach weil sie Spaß machen. Es wird nie nur den sorbischen Tanz gegeben haben. Es war immer ein Wandel. Und so bereichern wir auch unsere Serbska-Reja-Abende mit verschiedensten Tänzen.

Museale Musik? Nein danke, wir leben heute!

Was wichtig ist: Es muss gut klingen, grooven, die Leute sollen Spaß haben und wir wollen sie da abholen, wo sie stehen. Wenn wir in Leipzig spielen und die Tänzer kommen aus der Folkszene, natürlich freuen die sich über einen Bourée oder einen Schottisch. Genauso selbstverständlich spielten wir beim Jubiläum des Pśeza e.V. in Skadow im April 2016 bekannte Tänze wie „Marianka“, „Stup Dalej“ oder „Anne Marie Polka“.

Aber wir spielen auf unsere Weise, denn jeder von uns bringt verschiedene musikalische Biographien und Erfahrungen mit und die sammeln wir heute zwischen diversen europäischen und nordamerikanischen Folk Traditionen, zwischen klassischer und populärer Musik. Es lohnt sich immer ein Blick nach links und rechts. Wie funktionieren die Tanztraditionen in anderen Teilen Europas, z.B. in Ungarn, Frankreich, Italien oder Schweden? Davon können wir lernen.

Im Moment haben wir eine Besetzung, die nicht traditionell im herkömmlichen Sinne ist. Wenn wir sagen, wir suchen nach der sorbischen Tanzmusik vor 200 Jahren, dann wären es einfach nur die große und kleine sorbische Geige, der Dudelsack, die Klarinette, vielleicht noch ein Brumbass oder die Maultrommel. Das ist auch unterschiedlich, in welche Zeit man schaut. Natürlich wäre es ein ganz anderer Klang, wenn wir eine sorbischen Geige und einen Dudelsack hätten. Andererseits machen wir einfach Musik mit dem Werkzeug, das wir beherrschen. Ein schwedischer Musiker sagte mal: Es macht keinen Sinn zu versuchen zu klingen wie vor 200 Jahren. Es macht mehr Sinn sich zu fragen, wie könnte die Musik heute klingen, wenn sie tatsächlich ohne Unterbrechung in ihrem spezifischen Umfeld weiter tradiert worden wäre. Dann wäre sie nicht irgendwo stehen geblieben. Sie würde heute auch anders klingen.

Unser Anspruch ist also nicht, museale Musik zu machen. Wir sind keine historische Veranstaltung. Aber wir suchen nach einer ganz bestimmten Art und Weise, Musik zu machen, die an Wurzeln anknüpft aber heute lebt. Tanzmusik eben. Und wenn man es ganz einfach sagen will: Das einzige Authentische ist doch, dass wir zusammen Musik machen und dazu tanzen. Mehr nicht.

Zukunft? Vernetzen und Zusammenarbeit!

Wir wollen die Kontakte in die Folkszene knüpfen mit Musikern, die gleich gestimmt sind, um zu lernen, wie man mit alten Quellen umgeht, und wie Musik und Tanz besser miteinander kommunizieren. Aber auch noch andere Kontakte sind wichtig: Leute in der Lausitz, die viel Wissen haben über die Sorbischer Quellen, und die selber auf den Dörfern sich Sachen angeeignet haben, wie auch die sorbischen Folklore-Gruppen und ihre Leiter. Es wäre schön, ins Gespräch zu kommen, damit beide Seiten voneinander profitieren können. Wir wollen keinem das Wasser abgraben, sondern ergänzen.

 

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